Albert-Schweitzer-Realschule Remscheid-Lennep

Klassenfahrt der 10b nach Berlin


„Frau Retzlaff, wenn wir am Ende der Klasse 10 alle zusammen sitzenbleiben, fahren Sie  dann noch mal mit uns nach Berlin...?“

Wenn solche Überlegungen auf der Rückfahrt im Bus angestellt werden, lässt sich daraus schließen, dass diese Klassenfahrt wohl zu den eindrucksvolleren gezählt haben muss. - In der Tat stimmte alles an der Tour. Mit dem Jugendhotel „Generator“ am Prenzlauer Berg trafen wir auf eine zweckdienliche, den Geschmack und die Bedürfnisse junger Leute optimal abdeckende Unterkunft, die zudem durch ihre günstige Verkehrsanbindung mit den Berliner Fahrbetrieben gut erreichbar war. Mehr noch aber lag es an dem ausgewogenen Programm, das Berlin zu einem unvergesslichen Erlebnis machte: Kultur, Bildung und eine vielseitige Freizeitgestaltung standen im Wechselspiel.

So gab es keine Stadtrundfahrt, sondern einen dreistündigen Stadtrundgang zwischen Alexanderplatz und Potsdamer Platz. Unserer sachkundigen Führerin gelang es, uns so einen Eindruck der räumlichen Nähe einer Vielzahl in diesem Teil Berlins zu findenden bemerkenswerten Sehenswürdigkeiten zu vermitteln. Fernsehturm, Rotes Rathaus, Nicolaiviertel, Berliner Dom, Lustgarten, Unter den Linden, Humboldt-Universität, Gendarmenmarkt, Checkpoint Charlie und nicht zuletzt das verbliebene Stück Originalmauer schrieben sich wohl besonders ins Gedächtnis, weil wir uns sie zu Fuß erschlossen haben.

Das DDR-Museum, klein, aber fein, gab unseren Schülerinnen und Schülern dann einen besonderen Einblick in die Zeit vor dem Mauerfall und wie die Menschen im anderen Teil Deutschlands bis 1989 gelebt haben. In einem richtigen Trabi konnte man sitzen, ihn sogar simuliert starten und durch ein Stück DDR-typische Plattenbausiedlung steuern. Wer genau wissen wollte, wie die Menschen „drüben“ wohnten, begab sich in deren mit allen Details ausgestattete Wohnung und ließ, in mäßig bequemem Sofa sitzend, die Original-Nachrichten des DDR-Fernsehens über sich ergehen. Auch der Blick in die Schultasche eines DDR-Schülers zeigte, dass es neben auch im Westen so gelehrter Mathematik eine Reihe uns sehr fremd erscheinender Bildungsinhalte gab und kaum ein Fach nicht in irgendeiner Weise ideologisch verbrämt blieb.


„Bildungshöhepunkt“ war wohl unser Besuch im Deutschen Bundestag bzw. dem Reichstagsgebäude. Hier sollten wir von Remscheids Lokalpolitiker und MdB Jürgen Hardt empfangen werden. Ein Erlebnis war bereits der Sicherheitscheck am Eingang zum Paul- Löbe-Haus. Hier sorgte zunächst der gute Fabian für einen Beinahe-Eklat, als er feststellen musste, dass sich in seinem mitgeführten Rucksack noch Stricknadeln vom letzten Textilkunde-Unterricht befanden. Gefährliche, die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland in ihren Grundfesten bedrohende Waffen etwa...? Wir entschieden uns, die Flucht nach vorne anzutreten und dem Wachmann schon vor Auffinden der gefährlichen Gegenstände auf deren Existenz hinzuweisen. Eine gute Idee. Der treue Diener des Vaterlandes konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen und winkte uns durch. Über der Spree, in einem der neu entstandenen, lichten und freundlichen Glasbauten sitzend, bekamen wir vor der großen Politik aber erst einmal ein ordentliches Mittagessen.

 

Nach etlichen Belehrungen, wie wir uns im Plenarsaal zu verhalten hätten, um nicht des Platzes verwiesen zu werden – nicht klatschen - keine Kaugummis – nicht einschlafen – ging es dann gleich mitten hinein in die Debatte zum Thema: Grundversorgung - Regelsätze Hartz IV. Keine Geringeren als die Damen von der Leyen und Künast erlebten wir unter anderen live am Rednerpult! Ein seltenes Glück; schon die Gruppe nach uns musste sich mit rein theoretischen Erklärungen eines Besucherreferenten begnügen. Eine Stunde verging erstaunlich schnell und, oh Wunder, unsere Schülerinnen und Schüler hingen gebannt an den Lippen derer, die sie sonst nur vom Fernsehen kannten. Niemand schlief ein. Niemand? Naja, fast niemand. Michael bekam von Frau Retzlaff immer noch rechtzeitig den uns vor dem Rausschmiss bewahrenden, unauffälligen Stups... Obwohl arg im Stress nahm sich Herr Hardt, zunächst schon bestens vertreten durch seinen  Referenten, auch noch erfreulich viel Zeit für ein persönliches Wort an uns und um unsere Fragen an ihn zu beantworten. Von ihm erfuhren wir dann noch detailliert, wie sich die Arbeitswoche eines Abgeordneten im Bundestag abspielt. Nicht jeder Politiker kann und muss z.B. bei allen Sitzungen zugegen sein. Vielmehr haben die Mitglieder aller Fraktionen jeweils ihre Spezialgebiete, zu denen sie bei den entsprechenden Tagesordnungspunkten als Experten zu Rate gezogen werden. Jürgen Hardt kennt sich am besten in der Verteidigungs- und Europapolitik aus.

 

Besuch bei Mme. Tussauds

 

Mme. Tussauds dann sozusagen als i-Tüpfelchen. Staunend vernahm man, wie vieler Schritte es bedarf, um eine veritable Persönlichkeit in eine nicht minder lebensecht erscheinende Wachsfigur zu verwandeln. Und da standen sie da vor uns, hinter uns und um uns herum: Angela Merkel, Erich Honecker, Albert Einstein, der Papst, Olli Kahn, Franz Beckenbauer, George Clooney Heidi Klum und und und... Noch schöner, man durfte die Promis sogar anfassen und sich in allen erdenklichen Posen mit ihnen fotografieren lassen. Der Kreativität waren keine Grenzen gesetzt.

Hoffnungsträger friedlich vereint!

 


Der mittlerweile schon lieb gewonnene Platz am Brandenburger Tor bildete später immer wieder den zentralen Treffpunkt, besonders wenn es darum ging, Zeit zur eigenen Gestaltung zu füllen.


Nach einem erquicklichen Kino-Besuch standen nun noch eine Foto-Rallye Mädchen gegen Jungen, eine Shopping-Tour und der heiß ersehnte Discoabend in dem derzeit größten und angesagtesten Berliner Club „Matrix“ an.

Wenn keine Verpflegung im Hotel vorgesehen war, versorgten wir uns in ausgewählten, in der Regel sehr preisgünstigen Lokalen selbst. Das „Vapiano“ und das „Cancun“ am Potsdamer Platz gehörten neben dem beim harten Kern unvermeidlichen „Mäckes“ zu den Rennern.

Zeit zur freien Gestaltung blieb aber auch. Ein paar ganz Schlaue hatten sich schon vorher strategische Einkaufspläne zurechtgelegt. So deckte sich der eitle Pirmin etwa für die nächsten zwei Jahre komplett mit den Textilien seiner Träume ein. Andere gaben sich mit weniger zufrieden. Frau Retzlaff offenbarte eine völlig neue Seite. Beim Durchstöbern der urigen Lädchen der Hackeschen Höfe hatten es ihr besonders Karten und Sticker mit dummen Sprüchen angetan, die zu besorgniserregenden Lachanfällen führten. Da reichten schon Sprüche wie „Ein Leben ohne Kuchen ist möglich, aber sinnlos“ oder „Fünf Minuten dumm stellen erspart oft eine Stunde Arbeit“ oder Magnetsticker für die Küche  mit dem Wortlaut „Und das Ganze unter ständigem Rühren in den Abfluss gießen“.

 Was gibt es sonst noch Ketzerisches? Ach ja! Unser Massi musste in der Disco einmal mehr feststellen, dass es schöne Männer schwer haben. Und das, wo er doch schon am Vorabend in der Hotelbar mit zwei - seiner Meinung nach Schwedinnen - so gut wie vor der Verlobung gestanden hatte... Aber auch die Lehrkräfte lernten dazu. Herr Osing etwa, dass, wer den Kaffeeautomaten mit einem Tässchen bestückt und dann auf „Kännchen“ drückt, zwangsläufig ein Feuchtbiotop auf seinem Tablett erzeugt. Und Frau Retzlaff lernte, dass man sein Handy nie im Kino liegen lässt.


Kurz und gut: Berlin 2010: Viel Spaß, aber gleichzeitig auch Bildungsreise pur...


Text: H. Osing
Bilder: M. Retzlaff